Der große Tag
 
 
Es begann damit, dass mich meine Zweibeiner zu einer Ausstellung angemeldet haben, ohne mich vorher um Erlaubnis zu fragen. Wenig später stand ich dann in einem Ausstellungskatalog.
 
   
 
Ich wußte gar nicht, was ich dort zu suchen hatte. Aber weil bis dahin noch etwas Zeit blieb, dachte ich bei mir: Timmy, dachte ich, nicht aufregen, noch ist Polen nicht verloren. Mal sehen, irgendwie werde ich das auch überstehen.
 
Der Tag rückte näher und plötzlich war sie wieder da:
Waschen, Fönen, Schneiden
- die übliche Prozedur also; nur, diesmal viel intensiver. Ich sollte ja besonders schön aussehen.
 
   
 
 
 
Es dauerte und dauerte ... und die ganze Zeit stehen und aufpassen, dass die Schere nicht zufällig ... Endlich war ich fertig und durfte im Vorgarten vor der Kamera possieren.
 

 
Und ?
 
Kann ich mich so auf eine Ausstellung wagen?
 
Das mit den Ohren wird wieder entfernt. Es soll nur verhindern, dass ich beim Fressen die schön geschnittenen Ohren beschmutze. Ich soll ja schön sein, auf der Ausstellung.
 
Dann kam der große Tag. Zuerst habe ich mich allerdings mächtig gelangweilt, weil die Autofahrt einfach kein Ende nehmen wollte. Irgendwann waren wir endlich doch noch angelangt und ich sah, dass Ring und Bühne schon festlich vorbereitet waren.
 
 
Anstelle, dass Frauchen sich das alles ganz in Ruhe angesehen und mir damit die Möglichkeit gegeben hätte, die vielen, verschiedenen Pudel und Pudeldamen zu begrüßen, setzte sie mich, kaum das wir angekommen waren und uns angemeldet hatten, auf einen dieser Tische. An dem bereitliegendem Werkzeug konnte ich erkennen, was nun kommen sollte.
 
 
Zuerst aber begutachtete der Vorsitzende unserer Pudel-Klub-Gruppe meine Veränderungen nach der letzten aufwendigen Prozedur; Du weißt noch: Waschen-Fönen-Schneiden.
 
 
Dazu gab er noch ein paar Tipps, was Frauchen noch an mir verbessern könnte. Er hat Erfahrung mit Ausstellungen. Seine beiden Großpudel wurden schon oft ausgestellt und haben auch schon Preise gewonnen.
 
 
Kaum waren die Tipps ausgesprochen, als Frauchen schon aufgeregt an meinem Äußeren bastelte, was ich geduldig über mich ergehen ließ. Ich sagte mir, Timmy, der Tag geht auch vorüber, warum unnötig aufregen?
 
Dann eine letzte kritische Musterung ...
 
 
... und ich war bereit. Ein neues, schickes Halsband hatte ich auch schon um. An diesem wollte mich Frauchen später im Ring vorführen. Das hätte sie mal vorher mit mir besprechen sollen. Dazu aber später.
 
 
Dann wurde es ernst.
 
    
Ein Richter bewertete mich - und Frauchen war extrem aufgeregt. Schließlich war es unsere erste Ausstellung.
 
Mein Frauchen hätte sich an mir ein Beispiel nehmen sollen. Ich war ganz cool geblieben - und hatte damit Recht. Wie Du sehen kannst, waren zwar alle hier ausgestellten Pudel Spitze (Bewertung "V1"), aber ich war (mit der Startnummer 15) mindestens genauso gut.
 
 
Soweit die "Pflicht"!
 
Anschließend bereiteten sich alle Frauchen mit ihren Zwergpudeln auf die "Kür" vor. Hierbei stellten sie sich aber höchst unzweckmäßig auf. Anstelle, dass sie einen kleinen Kreis bilden, in dessen Mitte wir Pudel hätten plauschen können - und auch die Frauchen hätten über unsere Köpfe hinweg Kiefergymnastik betreiben können - positionierten sie sich, wie Du es auf dem Bild siehst.
 
 
Du weißt nicht, was Kiefergymnastik ist? Ich bin da ganz stolz, dass ich das schon weiß. Ich habe das heimlich von Herrchen abgelauscht. Kiefergymnastik soll der korrekte Terminus technicus für den Erfahrungsaustausch unter Frauchen sein. Das hören diese aber überhaupt nicht gern.
 
Hatte ich nicht vorhin gesagt, Frauchen hätte es besser mit mir vorher abstimmen sollen? Dann hätte ich ihr schon klar gemacht, dass es nicht des Pudels Art ist, gedankenlos im Kreis zu laufen. Es ist überhaupt keines Hundes Art. Wir stammen alle vom Wolf ab und haben noch immer eine gehörige Portion Wolfsblut in uns. Hast Du schon einmal einen Wolf gedankenleer im Kreis laufen sehen?
 
 
Aber ich bin ja Demokrat. Mein Versuch allerdings, die anderen im Kreis laufen sollenden Pudel dazu aufzurufen, eine Interessengemeinschaft zum Schutze unserer Pudel-Interessen und gegen das Kreislaufdiktat der Zweibeiner zu gründen, wurde - wie Du auf dem Bild sehen kannst - vom Kreislauf-Schiedsrichter mit meinem Ausschluß bestraft. Wo bleiben da meine demokratischen Rechte?
 
Später, zu unserer Sitzecke zurückgekehrt, erzählte ich mein Erlebnis den beiden Großpudeln. Diese meinten aber nur, das wäre ganz allein mein Fehler. Ich sehe das ganz falsch. Nicht wir Pudel werden im Kreis herumgeführt, sondern wir Pudel führen unsere Frauchen im Kreis vor, damit diese von den Zweibeinern gelobt werden. Und wenn ich das nicht glaube, solle ich doch nur bei der Siegerehrung zuschauen. Wer nimmt den Pokal an sich und freut sich riesig?
 
 
An die Ausstellung schloß sich die Zuchttauglichkeitsprüfung an. Der Richter von vorhin begutachtete mich noch einmal, diesmal sogar mit einem Meßstab.
 
 
Nein, meine Dame (falls Sie eine Dame sind), das hat er mit dem Meßstab nicht gemessen.
 
Da ich mich inzwischen davon überzeugt hatte, dass die beiden Großpudel vorhin Recht hatten, war ich dem Richter auch nicht mehr böse. Auch mein Frauchen war mir nicht böse, daß ich sie nicht im Kreis vorgeführt hatte, weil sie doch schon ein Herrchen hat. Und so wurde es doch noch ein schöner Tag.
 
 
Auch, weil ich den anwesenden Pudeldamen (wie hier auf dem Bild festgehalten) zurufen konnte, dass ich soeben als zuchttauglich befunden wurde und zukünftig nicht mehr nur kann, sondern auch darf - was ein wichtiger Unterschied ist.
 
Oder was meinst Du?
 
Übrigens, was ich unbedingt noch sagen will:
Eine Urkunde habe ich dann doch noch erhalten - auch ohne mein Frauchen im Kreis herumzuführen!
 

 
Was sagst Du nun?
 
 
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